Freitag, 18. Oktober 2013

Anne Rice - Das Geschenk der Wölfe


Anne Rice:
Das Geschenk der Wölfe

Jahr: 2013
656 Seiten

Meine Wertung:
gelegentlichbis hin zu
Nach der bekannten und erfolgreichen Vampirchronik, den Mayfairhexen und einigen mehr oder weniger guten Einzelbüchern startet Anne Rice nun wieder eine Chronik. Dass sie sich dabei nun der Werwolfmythologie bedient ist irgendwie naheliegend (und etwas einfallslos), aber wer weiß, vielleicht kann sie aus dem Mainstreamthema ja trotzdem noch etwas zaubern...

Inhalt:

Der Journalist Reuben soll im Auftrag einer Erbin einen Bericht über ein altes Herrenhaus an der Küste Nordkaliforniens schreiben, da diese das Haus verkaufen will. Spontan haben die beiden eine Affäre, in der selben Nacht jedoch wird das Herrenhaus angegriffen. Zur Verteidigung springt ein merkwürdig starker "Hund" herbei, von dem Reuben versehentlich gebissen wird. Nun geht merkwürdiges mit ihm vor. Während der Leser natürlich von Beginn an wusste, was die Autorin im Schilde führte, muss Reuben mit seiner Familie erstmal eine Weile herumrätseln.

Reuben erfährt zwischenzeitlich, dass die Erbin ihm das gesamte Herrenhaus mal spontan geschenkt hat. Also braucht er den Bericht nicht mehr schreiben und kann sich fortan der Erkundung seiner neuen Fähigkeiten widmen. Zusehends verändert sich aber auch seine Wahrnehmung und Beurteilung der Welt um ihn herum, so dass er vieles eher von einem tierischen, archialischeren Standpunkt aus betrachtet. Er betätigt sich ein bisschen als Superheld, was ihm Fans in der Stadt einbringt und einen Werwolfhype entstehen lässt. Allerdings geht er eben auch sehr animalisch (d.h. brutal) vor, so dass er auch viel Hass und Furcht erzeugt.

Weil Reuben so clever war, sich überall sehen zu lassen (Rices Vampire hätten die Krise bekommen...), tauchen natürlich bald Personen auf, die ihm Übles wollen... 

toll:

Das Buch lebt, wie die meisten Bücher von Anne Rice, hauptsächlich vom Schreibstil und der absolut genialen Atmosphäre. Auch die Verwandlung von Reuben ist unglaublich gut geschrieben, nicht nur was den körperlichen Aspekt angeht, sondern auch, wie er sich psychisch verändert. Man kann sich dadurch, auch wenn der Charakter relativ flach bleibt, gut in ihn und seine Gefühlslage hineinversetzen. Auch die relativ vielen blutigen Szenen sind eindrucksvoll geschrieben, ohne dass ein Splatter draus wird.

Wer schon andere Bücher von Anne Rice gelesen hat, die in den USA spielen, wird sich bezüglich der Ortsbeschreibungen sofort heimisch fühlen und viele Motive wiedererkennen. Auch die Bougainvillea, scheinbar Frau Rices Lieblingspflanze, wuchert wieder üppig. Hinzu kommt, dass ich alte Häuser einfach liebe. Wenn die dann auch noch an einer Klippe und an einem Mammutbaumwald stehen...

Sehr gut überlegt fand ich auch die Reaktionen der Menschen auf Reubens Handlungen. Dadurch, dass hier viel mehr Kontakt zur "normalen" Menschenwelt stattfindet als beispielsweise in der Vampirchronik, wird die Situation viel realer und spannender.

doof:

Während man den Verwandlungsaspekt und die Veränderungen von Reuben sehr gut nachvollziehen kann, gibt es leider auch viele Stellen, bei denen ich sogar unter Aufbringung sämtlicher Empathiereserven einfach nicht verstehe, was in gewissen Personen vorgeht.
Das liegt zum einen am relativ flachen/stereotypen Charakter, zum anderen an dem Aspekt der, wie soll ichs nennen... Relativ willkürlichen, spontanen Zuneigung der Charaktere zueinander und andererseits der Gleichgültigkeit? Bereits bei Anne Rices früheren Büchern fiel mir ja schon auf, dass Beziehungen zwischen sich gerade erst begegnenden Charakteren oft etwas übereilt vom Zaun gebrochen werden. Hier wird das mehrfach besonders deutlich. Reuben beschließt spontan, eine Affäre mit der natürlich sofort einverstandenen Herrenhauserbin zu haben, obwohl er eigentlich eine Freundin hat (die nebenbei fester in Reubens Familie eingegliedert zu sein scheint als er selbst). Diese erfährt zwar irgendwie davon, es ist ihr aber herzlich egal. Daher stört es auch nicht weiter, dass Reuben kurz darauf das nächste willige Weibchen findet, das ihn als Werwolf antrifft und sofort mit ihm ins Bett springt. Klar, was liegt auch näher, wenn man allein und abgeschieden im Wald wohnt und eines Nachts grad ein Werwolf (singend und tanzend) vorbeikommt?
Irgendwann erwägt Reuben dann doch mal, mit seiner Freundin Schluss zu machen. Praktischerweise hat die sich nebenbei bereits seinen besten Kumpel geschnappt, niemand ist böse, alle sind glücklich. Und der Leser möchte seinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen.
Auch dass Reuben das Herrenhaus dann einfach mal geschenkt bekommt ist so eine Stelle, wo Anne Rice es sich irgendwie einfach macht. Indem Charaktere spontan zu "etwas Besonderem" gemacht werden, bekommt man seine wichtigen Storyelemente sofort, ohne dass man großartig erklären muss. In nem Computerspiel würde ich das cheaten nennen ;)

Ebenfalls Rice-typisch sind diverse theologische Anklänge und religiöse Diskussionen im Buch, die - vorsichtig ausgedrückt - nicht von jedem so nachvollziehbar sind... Glücklicherweise kommt dies aber nur wenig vor und passt auch irgendwie ein bisschen zum Setting (da Reubens Bruder sowieso Priester ist). 

Fazit:

Wenn man zumindest die ersten Bücher der Vampirchronik mochte oder etwas düstere Atmosphäre und einen ernsthafteren Umgang mit übernatürlichen Wesen gern hat, könnte Gefallen an "Das Geschenk der Wölfe" finden. Allerdings muss man über die (typischen) Schwachstellen Anne Rices hinwegsehen können, denn die sind in diesem Buch leider ziemlich stark ausgeprägt. Daher gebe ich eine Wertung von 3/5 Sternchen. Was wär so schlimm dran gewesen, wenn Reuben das Haus einfach kauft, keine Affäre hat und man die Rolle der lykantrophilen Dame und der bestehenden Freundin zusammenlegt? Dadurch wäre das ganze deutlich weniger irritierend und hätte noch Potential für einige interessante Szenen geboten (beispielsweise dass man erstmal verarbeiten muss, dass der eigene Partner ab und zu etwas flauschig herumläuft).

Trotzdem steckt in der werdenden Reihe viel Potential drin! Etwas schade fand ich in diesem ersten Band, dass es wenig Rückblenden gab und fast alles in der Gegenwart spielte. Wenn Rice die Werwolfchronik aber ähnlich aufbaut wie die Vamprichronik, dann wird es sicher auch Bände aus der Sicht anderer Werwölfe und aus vergangenen Zeiten geben. Viktorianische Werwölfe, das wär toll...

Da auch die Vampir- und Mayfairreihen irgendwann zusammengeführt wurden ist es außerdem möglich, dass die Werwölfe im gleichen Universum spielen und sich irgendwann dazugesellen. Ich frag mich nur, warum so oft Vampire und Werwölfe parallel auftreten müssen. Wie wärs denn mal mit z.B. Vampiren und Einhörnern, Werwölfen und Zombies (oder Zombieeinhörnern? Oh mein Gott ich muss ein eigenes Buch schreiben!) Wie dem auch sei, sobald Anne Rices Vampire und Werwölfe aufeinander treffen, könnte es nochmal interessant werden. Gibts dann eine epische Schlacht, bis eine Seite vernichtet wurde? Oder finden sich wunderlicherweise ein Vampir und ein Werwolf zusammen (da fällt mir auch direkt ein geeigneter männlicher Werwolf ein, der mit einigen bisexuellen Vampirherren harmonieren könnte...)? Wir werden abwarten...

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