Samstag, 26. Oktober 2013

Corina Bomann - Die Schmetterlingsinsel


Corina Bomann:
Die Schmetterlingsinsel

Jahr: 2012
561 Seiten

Meine Wertung:

Erster Satz:

Liebste Grace, ich weiß nicht, ob du mir inzwischen verziehen hast.

Inhalt:

Zu Beginn des Buches liest man einen Brief aus dem Jahr 1888 an eine gewisse Grace von ihrer Schwester. Man erfährt von einem Skandal, in welchen Grace offenbar verwickelt wurde und aufgrund desssen sie sich zurückziehen musste. Ein gewisser "er" würde jedoch bald zu ihr kommen (spätestens hier, also sage und schreibe auf Seite 2, stellt sich eine gewisse Vermutung ein, worauf die folgenden 559 Seiten abzielen könnten).

Einige Generationen später begegnet der Leser nun der in Berlin lebenden Diana, der Ururenkelin. Mit der Enkelin der Schwester von Grace, die von Diana als "Großtante" bezeichnet wird, hat sie noch eine gewisse Bindung. Als diese stirbt, erwähnt sie Diana gegenüber, dass auf der Familie ein dunkles Geheimnis lastet. Dieses soll erst gelüftet werden, wenn nur noch eine Nachkommin der Familie übrig bleibt (warum oder wer sich das überlegt hat, sei mal dahingestellt...). Überraschenderweise ist das natürlich Diana. Wie passend, dass ihr Mann sie auch gerade betrogen hat, so dass sie ohnehin eine Auszeit braucht und mal eben einige Wochen Zeit in eine Schnitzeljagd investieren kann. Der Butler ihrer Großtante scheint eingeweiht und lässt ihr in homöopathischen Dosen "Hinweise" zukommen, die sie auf der Suche nach dem Geheimnis ihrer Familie schließlich bis nach Sri Lanka bringen.

Parallel zu Dianas Suche liest man, was ihre Ururgroßmutter Grace dort 120 Jahre früher erlebt hat.

toll:

Die Geschichte von Grace ist ziemlich offensichtlich, spätestens nach 1/4 des Buches ist relativ klar, worauf es hinausläuft. Trotzdem ist es sehr angenehm, diesem Erzählungsstrang zu folgen. Die Charaktere sind hier zwar ziemlich nach schwarz/weiß-Schema eingeteilt, trotzdem ist eine Entwicklung der Protagonistin zu erkennen und die Hauptpersonen wirken sympathisch. Und obwohl man ahnt was kommt, so bleibt schließlich noch die Frage, wie genau dies passiert und was die Konsequenzen sein werden, so dass es dennoch spannend bleibt.

Die Atmosphäre des Erzählstranges aus der Vergangenheit ist sehr stimmig und man fühlt sich hineinversetzt in diese exotische Region, die Vergangenheit und die fremde Kultur. Dazu gibt es einen Haufen interessante Hintergrundinformationen.

doof:

Trotz der eigentlich guten Idee der Autorin hat man über lange Zeit das Gefühl, nur eine mittelmäßige Schmonzette zu lesen. Das liegt größtenteils an dem Erzählstrang von Diana, der meiner Meinung nach deutlich schlechter geschrieben als Graces Geschichte. Diana als Person wirkt, obwohl sie Mitte 30 ist und ein Anwaltsbüro besitzt, sehr unreif, ein bisschen dümmlich und überzeugt nicht. Ihre sich im Laufe des Buches entwickelnde Liebesgeschichte wirkt aufgesetzt und hätte wirklich nicht sein müssen.

Die Dialoge in Dianas Erzählstrang wirken fürchterlich hölzern, hier ein Beispiel:
»Wer weiß, ob wir auf der Plantage irgendwas finden.« »Wenn nicht, haben Sie immerhin den Ort gesehen, an dem Ihre Vorfahren gelebt haben. Die eigenen Wurzeln zu finden ist sehr wichtig.« Diana schmunzelte. »Ich glaube, ich sollte mir von Ihrem Optimismus eine dicke Scheibe abschneiden.« Jonathan breitete die Arme aus. »Ich habe genug für uns beide, schätze ich.«
...auch der Schreibstil ist nicht jedermanns Sache, da oft zu extrem bildhaften und krampfhaft poetischen Vergleichen gegriffen wird:
Das Licht war ganz anders als in Europa, und die Nebel hatten hier nichts Deprimierendes an sich. Sie wirkten vielmehr wie die Schleier einer erwartungsvollen Braut, die ihr Antlitz bald ihrem Geliebten zeigte.
Der Zusammenhang zwischen der aktuellen Handlung in Gegenwart und Vergangenheit ist ziemlich lose. Anfangs gibt es noch eingie Überleitungen, die nicht wirklich überzeugen, so zum Beispiel folgendes:
Auf einmal kam es ihr so vor, als würde jemand hinter sie treten und ihr leise die Geschichte dieses Gegenstandes ins Ohr flüstern.
Später wird selbst das weggelassen und das nächste Kapitel beginnt einfach in der jeweils anderen Zeit. Der Leser hat schon Informationen, welche man aus den dürftigen "Hinweisen", die Diana nach und nach zugespielt bekommt, beim besten Willen kaum herauslesen kann. Im Prinzip hätte Diana die Geschichte erst kurz vor Ende des Buches annähernd rekonstruieren können.

Besonders unglaubwürdig fand ich auch die Stelle, an der Diana einen dicken Brief findet, der womöglich alles erklären wird. Und was passiert?
Obwohl die Neugier sie beinahe umbrachte, beschloss Diana, den Brief erst später zu öffnen.
Stattdessen sucht sie nämlich lieber einen weiteren Tag nach Hinweisen und durchkramt staubige Archive.

Fazit:

Ich muss ehrlich sagen, die Bewertung fällt mir hier sehr schwer. Einerseits ist der Erzählstrang in der Gegenwart ziemlich öde und wirkt stellenweise sehr unlogisch (dazu später noch). Andererseits fand ich den Erzählstrang in der Vergangenheit eigentlich ziemlich gut. Vielleicht hätte man diese Verschachtelung, dieses "duuuunkle Familiengeheimnis" und die komplette Geschichte über Diana einfach lassen und dafür nur Graces Geschichte erzählen sollen, die an vielen Stellen noch ungenutztes Potential besitzt.

Ansonsten ist "Die Schmetterlingsinsel" eine nette Lektüre für Leute, die sich beim Lesen gern Welten erträumen. Wer Sinn oder gar Spannung erwartet, wird das Buch sicher nicht so mögen.

Wer das Buch wegen des Familiengeheimnisses lesen wollte und eine spannende Recherche und einige Wendungen erwartet, der ist vermutlich mit "Der verborgene Garten" von Kate Morton besser bedient.

Sehr passend an dieser Stelle noch ein Zitat aus dem Buch:
»Hin und wieder braucht der Mensch was Leichtes zwischendurch.«

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Nachüberlegungen:

Man kann dem Buch vieles vorwerfen, aber nachdem ich im Nachhinein noch einige Zeit darüber nachgedacht habe, konnte ich mir einige unlogische Dinge wieder hinbiegen. Daher hier meine Überlegungen, falls jemand das Buch ebenfalls gelesen hat und sich zwischendrin die gleichen Fragen stellte wie ich:
  •  Das "Geheimnis" ist ja nun wirklich net doll und nach spätestens einem Viertel des Buches weiß jeder, worauf es hinausläuft!
Das ist so nicht ganz richtig. Dianas Großtante spricht nämlich von einem Geheimnis, "das Grace nicht kannte". Es kann also nicht diese ganz offensichtliche Begebenheit gewesen sein, denn an dieser war Grace ja beteiligt. Viel mehr handelte es sich anscheinend um etwas, das kurz danach geschah und das sie offenbar tatsächlich nie erfahren hat. Das geht allerdings ziemlich unter, da obiges Zitat nur 4 Worte auf 561 Seiten sind, die in einem Haufen relativ unwichtiger oder oberflächlicher Handlung untergehen.
  • Warum muss Diana so eine Schnitzeljagd mitmachen, warum kann man das Geheimnis nicht einfach weitergeben? Warum halten überhaupt alle mit ihren Informationen hinter dem Berg und Diana muss für das "dunkle Familiengeheimnis", das ja mittlerweile auch schon die Ururoma betrifft, um die halbe Welt reisen?
Im Buch wird dafür das zugegeben schwache Argument angebracht, dass Diana die Vergangenheit vielleicht besser verstehen kann, wenn sie sie sich erarbeitet.
Wenn man die Entwicklung der Familie betrachtet, gibt es aber noch eine weitere Möglichkeit: Im Familienzweig von Graces Schwester wird der Skandal totgeschwiegen, da man hier noch bemüht um das Ansehen des Hauses ist. Graces Nichte macht da einen sehr verbitterten und konservativen Eindruck und wird es ihrer Tochter (= Dianas Großtante) daher nicht erzählt haben. Graces Tochter und Enkelin haben die Geschichte möglicherweise noch erfahren. Spätestens die Enkelin stirbt jedoch, bevor sie es ihrer Tochter weitererzählen kann.

Allerdings fiel mir noch etwas auf: Das eigentliche Geheimnis, das Grace selbst nicht kannte, kannte auch niemand der Nachfahren! Es wird letztendlich von jemandem außerhalb der Familie enthüllt und war maximal Graces Vater bekannt. Dann allerdings stellt sich die Frage, warum die nachfolgenden Generationen von der Existenz eines Geheimnisses wissen.

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