Dienstag, 29. Oktober 2013

Rachel Joyce - Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Aloha,

heute möchte ich eines meiner Lieblingsbücher vorstellen! Ich muss zugeben, ich ging mit wenig bis keiner Erwartung an das Buch heran. Ich habe es irgendwann im Rahmen einer größeren Ebookeinkaufstour mal auf mein kindle geschoben, eigentlich nur, weil ich selbst gern pilgere. Dann habe ich erst noch alles mögliche andere gelesen und die (erschlagend positiven!) Kritiken entweder vergessen oder gar nicht erst mitbekommen. Irgendwann, als grad nichts anderes auf dem Reader mich mehr anlächelte, hab ich es dann begonnen. Und kam nicht mehr davon los. Mein armer Freund wurde dauerhaft auf dem Laufenden gehalten, was im Buch gerade passiert...

Rachel Joyce:
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Jahr: 2013
384 Seiten

Meine Wertung:

(kommt man nicht von los!)

Erster Satz:

Der Brief, der alles verändern sollte, kam an einem Dienstag.
 

Inhalt:

Harold, der in sehr geordneten Verhältnissen mit seiner Frau Maureen in einer englischen Kleinstadt lebt, erfährt per Brief, dass seine frühere Kollegin Queenie an Krebs erkrankt ist und bald sterben wird. Er schreibt ihr eine Antwort und macht sich auf, um den Brief einzuwerfen.
»Ich geh mal schnell zum Briefkasten.« [...] »Bist du länger weg?« »Ich geh nur die Straße runter.«
In Gedanken versunken beschließt Harold, noch ein Stück weiter zu laufen, zum nächsten Briefkasten. Er erinnert sich an viele Momente, in denen er das Leben und die Menschen darin an sich hat vorbeiziehen lassen, weil seine eigene Hilflosigkeit und Unsicherheit ihn gelähmt haben. Er stellt fest, wie distanziert er und seine Frau nebeneinander her leben, wie wenig Bindung er zu anderen Menschen hat und zu seinem Sohn David, welcher sich zuhause nicht mehr blicken lässt. Sogar Queenie, die in ihrer Vergangenheit einmal etwas sehr wichtiges für ihn getan hat, hat er im Stich gelassen. Seit Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, seine Antwort auf ihren Abschiedsbrief kommt ihm schäbig vor.

Vor dem letzten Briefkasten am Stadtrand schließlich fasst er einen Entschluss: Er wird Queenie besuchen, und sie muss so lange am Leben bleiben, bis er bei ihr ist. Und bevor er zu viel über seine irrsinnige Idee nachdenkt und wieder in seinen geordneten, aber toten Alltag zurückkehrt, beginnt er, die 1000 km zu ihr zu laufen.

Auf dem Weg zu Fuß von Südengland zur Grenze Schottlands trifft er Menschen, denkt über Momente aus der Vergangenheit nach, lässt Sachen zurück und befreit sich. Man erfährt, wie verstockt und blockiert sein Leben war, ohne dass er es selbst gemerkt hat. Auch seine Frau Maureen beginnt, sich in seiner Abwesenheit zu verändern.

Zu Beginn seiner Reise hält sich Harold noch sehr nah an der Zivilisation, steht ohne Ausrüstung da und überlegt ängstlich, ob diese Idee wirklich gut war. Je weiter er in seinen inzwischen ausgetretenen Segelschuhen läuft, desto schlimmer wird die körperliche Belastung für ihn und desto mehr stürzen verdrängte Erinnerungen und Schuldgefühle auf ihn ein.
Es überraschte Harold, dass er sich an das alles erinnerte. Vielleicht lag es am Gehen. Vielleicht sah man mehr als die Landschaft, wenn man aus dem Auto stieg und seine Füße benutzte.
Er kämpft sich voran, sowohl auf seinem Weg als auch bei der Verarbeitung seiner Vergangenheit. Und schließlich ist ein Punkt erreicht, wo es mit jedem Schritt ein bisschen besser geht und er ein bisschen stärker wird. Harold beginnt jedoch zu fürchten, nach der Pilgerreise wieder zurück in seinen bisherigen Alltag zu fallen:
Er würde Queenie seine Geschenke geben und ihr danken, aber was dann? Er würde in sein altes Leben zurückkehren, das er fast vergessen hatte, ein Leben, in dem die Menschen Barrikaden aus Schnickschnack zwischen sich und der Außenwelt errichteten.

toll:

Das klingt jetzt erstmal alles nach einem furchtbar melodramatischen, theatralischen Selbsthilfebuch für Menschen in der Midlifecrisis. Ist es aber nicht - das Buch wird weder irgendwo pathetisch, noch kitschig oder klischeehaft. Harolds Probleme und deren Bewältigung nehmen zwar eine zentrale Rolle ein, seine Geschichte, in die man nach und nach vordringt, ist jedoch auch sehr spannend - und nicht so trivial, wie es zu Beginn scheint.

Dennoch sind alle Personen im Buch ganz normale Menschen mit realistischen und zum Teil ganz alltäglichen Problemen. Manch einer bemängelt diese Nutzung "klischeehafter Standardproleme" als einfallslos, ich fand das gut - die Geschichte wirkt dadurch realistisch und aus dem Leben gegriffen. Die angesprochenen Probleme sind nicht automatisch klischeehaft, nur weil viele Leute sie haben. Das ist überhaupt eine der Stärken der Autorin: aus dem Alltäglichen, Simplen etwas zu zaubern, das den Leser berührt. Ganz normale, alltägliche Personen, die an einem Punkt schließlich über sich hinauswachsen.

Auch der Schreibstil ist überhaupt nicht blumig oder ausufernd, sondern eher schlicht gehalten. Gerade deswegen passt er hervorragend zum Inhalt des Buches: weniger Schnickschnack, dann wird alles klarer. Trotzdem entsteht eine sehr gelungene Atmosphäre.

Die Vorstellung vom Charakter der Figuren bildet sich oft durch Kleinigkeiten wie nebensächliche Handlungen oder Kommentare. Dadurch wirken die Figuren sehr authentisch, auch ihre persönliche Entwicklung im Laufe des Buches ist absolut natürlich und überzeugend.

Wer Befürchtungen hat, dass aufgrund des Titels "Pilgerreise" irgendwelche theologischen Überlegungen im Buch angestellt werden, der sei übrigens ganz beruhigt, Religion wird nicht angesprochen.

doof:

Es ist viel zu schnell durchgelesen!

Stellenweise ist das Buch auch etwas deprimierend. Das ist allerdings nicht unbedingt negativ zu werten. Die Verarbeitung von Harolds Vergangenheit ist halt keine leichte Sache und nimmt stellenweise auch empathische Leser etwas mit.

Fazit:

Eigentlich unglaublich, dass dies erst Rachel Joyces erster Roman ist! Man liest nicht nur ein Buch, man läuft zusammen mit Harold nach Nordengland, man durchlebt mit ihm zusammen seine Erinnerungen, man entwickelt sich mit ihm zusammen.

Nur wirklich gute Bücher beinhalten eine Geschichte, in die man tatsächlich eintaucht. Nach der letzten Seite aber taucht man wieder auf, kehrt in seine eigene Welt zurück und wendet sich dem nächsten Buch zu. Dieses Buch aber schafft es, ein wenig im Herzen des Lesers hängen zu bleiben und ihn weiter zu begleiten.

Geeignet für Leser, die gern etwas stillere Bücher mit einer Botschaft lesen. Nicht geeignet für diejenigen, die eine Spannungskurve wie in einem Thriller erwarten oder für Pragmatiker, die sich fragen, warum Harold nicht einfach mit dem Auto gefahren ist oder denken, dass Harold tatsächlich glaubt Queenies Krebs durch das Pilgern zu heilen.

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Kommentare:

  1. vor kurzem bei dir diesen Buchtipp entdeckt, heute das Buch ausgelesen (mit einem Taschentuch griffbereit)!
    Am meisten hat mich bewegt, dass es wohl tatsächlich Ehepaare geben kann wie Harold und Maureen, dich sich jahrelang anschweigen und völlig nebeneinander her leben.
    danke für den Tipp, lg

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    1. Ja, das fand ich auch sehr traurig. Zumal keiner der beiden etwas dafür konnte, es hat sich einfach so entwickelt. Wie vieles im Leben sich einfach irgendwohin entwickelt, wenn man nicht aufpasst. Auch wie sich Maureen mit dem einsamen Nachbarn angefreundet hat fand ich toll...
      Freut mich, dass dir das Buch gefällt! =)

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