Samstag, 30. November 2013

Carlos Ruiz Zafón - Der Schatten des Windes

Aloha,
heute stelle ich euch ein extrem bekanntes Buch vor, das ich schon vor einigen Jahren begonnen habe und dann doch eine Weile liegen ließ. Ich habe schließlich vor einigen Wochen nochmal von vorn angefangen. Zwar hat es ziemlich lange gedauert und ich habe wieder mehrere kurze Pausen gemacht, aber es hat sich wirklich gelohnt, dass ich immer wieder zurückgekehrt bin...


Carlos Ruiz Zafón:
Der Schatten des Windes

Jahr: 2003
562 Seiten

Meine Wertung:

Erster Satz:

Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der Vergessenen Bücher mitnahm.
 

Inhalt:

Der zehnjährige Daniel Sempere aus Barcelona wird eines Tages von seinem Vater, der eien Buchhandlung besitzt, zum geheimen "Friedhof der Vergessenen Bücher" gebracht.
» (...) Hier leben für immer die Bücher, an die sich niemand mehr erinnert, die Bücher, die sich in der Zeit verloren haben, und hoffen, eines Tages einem neuen Leser in die Hände zu fallen. In einer Buchhandlung werden Bücher verkauft und gekauft, aber eigentlich haben sie keinen Besitzer. Jedes Buch, das du hier siehst, ist jemandes bester Freund gewesen. Jetzt haben sie nur noch uns, Daniel. Glaubst du, du wirst dieses Geheimnis für dich behalten können?« Ich schaute meinen Vater fragend an und nickte dann. Er lächelte. »Und weißt du das Beste?« fragte er. Ich schüttelte den Kopf. »Der Brauch will es, daß jemand, der diesen Ort zum ersten Mal besucht, sich ein Buch aussuchen muß, dasjenige, das ihm am meisten zusagt, und er muß es adoptieren und darum besorgt sein, daß es nie verschwindet, daß es immer weiterlebt. Das ist ein ganz wichtiges Versprechen. Auf Lebenszeit. Heute bist du dran.«

Daniel wählt nach kurzer Suche das Buch "Der Schatten des Windes" von Julian Carax. Es fesselt ihn sofort, leider ist der Autor verstoben und das wenige, was über ihn bekannt ist, ist äußerst wirr. Es scheint keine weiteren Exemplare dieses Buches oder irgendeines anderen Buches von Carax mehr zu geben. Daniel findet das alles sehr faszinierend und versucht, das Geheimnis des Autors zu lüften. Zugleich interessieren sich aber noch andere für das Buch und wollen es ihm abkaufen. Darunter unter anderem ein sehr suspekter Mann mit verbranntem Gesicht, der nach verbrannten Büchern riecht, sich nach einer Figur aus Carax' Roman benannt hat und Daniel zu beobachten scheint...

Im Laufe des Buches wird Daniel zu einem jungen Erwachsenen und lernt viele weitere Personen kennen, die ihm bei der Suche nach Carax' Vergangenheit behilflich sind, sowie natürlich ein böser Widersacher und immer wieder dieser merkwürdige, nach verbrannten Seiten riechende Gesichtslose...


toll:

Zafón gelingt es, verschiedene Genres in einem Buch zu vermixen. Insgesamt gesehen ist das Buch eine Mischung aus historischem Roman und Kriminalroman. Einige Stellen wie die Geschichte über den Friedhof der Vergessenen Bücher klingen ähnlich wie ein Märchen. Die Besuche in einer lange verlassenen Wohnung und einer zerfallenen Villa könnten auch aus einem Gruselroman stammen, gegen Ende hin wird es schließlich eher ein Thriller.

Die Atmosphäre ist ein Wahnsinn. Manch einer wird den Schreibstil zu blumig finden, ich fand es passte hervorragend zu der Zeit und zu Barcelona. Anbei ein Ausschnitt aus dem besagten etwas gruseligen Teil, in dem Daniel eine lang verlassene Wohnung betritt:
Ich stieß die Tür auf. Eine finstere, undurchdringliche Höhle tat sich vor uns auf. Das Fenster zum Schacht war mit vergilbten Zeitungsseiten abgedeckt. Ich riß sie weg, und ein Strahl milchigen Lichts durchbohrte das Dunkel. »Jesus, Maria und Josef«, murmelte die Pförtnerin neben mir. Das Zimmer ertrank in Kruzifixen. Zu Dutzenden hingen sie an Schnüren vom Balkenwerk und bedeckten an Nägeln die Wände. Man konnte sie in den Ecken erahnen, mit dem Messer in die Möbel geritzt, auf die Fliesen gekratzt, rot auf die Spiegel gemalt. Die Fußspuren, die zur Türschwelle führten, zeichneten im Staub einen Weg um ein bis auf den Sprungfederrahmen entblößtes Bett herum, nur noch ein Skelett aus Draht und wurmstichigem Holz.

Das Geheimnis des Julian Carax und seine Verbindung zu den verschiedenen Charakteren ist sehr gut durchdacht und wird nicht auf halber Strecke bereits offensichtlich, so dass man tatsächlich bis zum Schluss mit Daniel gemeinsam rätseln kann.

Ich glaube, wer Barcelona kennt, wird sich über die zahlreichen Ortserwähnungen im Buch sehr freuen. Es gibt sogar einen Reiseführer für Barcelona, der speziell auf die Schauplätze in Zafóns Büchern eingeht.


doof:

Mein eigentlich einziger, aber recht großer Kritikpunkt am Buch ist, dass es sowohl in der erzählten Zeit als auch in der Anzahl der Charaktere ziemlich ausufert. Viele Charaktere sind zwar sehr liebenswert und das Einbinden ihrer Hintergrundgeschichte stört eigentlich auch nicht, allerdings ist es mitunter schon etwas herausfordernd, den Überblick zu behalten (vor allem, wenn man ein paar Tage Lesepause hatte). Eher nervig ist aber der Protagonist Daniel selbst, den man beispielsweise durch sämtliche pubertären Trotzphasen begleiten darf, die zwar nicht schlecht geschrieben sind, aber die Suche nach Carax verdrängen und den Protagonisten sehr unsympathisch machen.
Sehr unglaubwürdig ist außerdem die geistige Reife des angeblich erst zehnjährigen Daniel, der eher wie jemand mindestens jenseits der 30 wirkt.

Das alles trifft allerdings hauptsächlich auf etwa das erste Drittel des Buches zu, kommt man endlich an die Stelle, an der Daniel die Suche nach Carax wieder ernsthaft aufnimmt, kommt das ganze wieder deutlich in Fahrt. An dieser "Hürde" bin ich beim ersten Leseversuch hängen geblieben.

Fazit:

Man benötigt doch etwas Durchhaltevermögen, denn dieses Buch lässt sich nicht so leicht nebenbei "weglesen". Wer durchhält, wird schließlich mit einer sehr spannenden Geschichte und vielen hervorragenden Einzelszenen belohnt. Es gibt wirklich einige unglaublich atmosphärische Szenen bei denen ich sicher bin, dass ich mich noch lange daran erinnern werde.

Untern Strich, ich würde das Buch weiterempfehlen, jedoch eher an Leseratten und nicht an jemanden, dem ich grade das Lesen an sich schmackhaft machen will.

Und weil es so viele zitatwürdige schöne Stellen gibt, muss ich hier noch unzusammenhängend zwei davon zum besten geben:
Jedes einzelne Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben. Jedesmal, wenn ein Buch in andere Hände gelangt, jedesmal, wenn jemand den Blick über die Seiten gleiten läßt, wächst sein Geist und wird stark.
Einmal hörte ich einen Stammkunden in der Buchhandlung meines Vaters sagen, wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne. Diese ersten Seiten, das Echo dieser Worte, die wir zurückgelassen glauben, begleiten uns ein Leben lang und meißeln in unserer Erinnerung einen Palast, zu dem wir früher oder später zurückkehren werden, egal, wie viele Bücher wir lesen, wie viele Welten wir entdecken, wieviel wir lernen oder vergessen. Für mich werden diese verzauberten Seiten immer diejenigen sein, die ich auf den Gängen des Friedhofs der Vergessenen Bücher fand.

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