Freitag, 20. Dezember 2013

Corina Bomann - Und morgen am Meer

Aloha,
ich möchte noch grad ein Buch vorstellen, das ich heute auf der Fahrt nach Berlin verschlungen hab. Ich hatte ja vor einiger Zeit ein anderes Buch von Corina Bomann vorgestellt (Die Schmetterlingsinsel), was doch eher durchwachsen war. Die Erwartungen an dieses Buch waren daher eher neidrig, zumal es nach eher seichter Liebesgeschichte aussah. Aber glücklicherweise hab ich der Autorin doch nochmal ne Chance gegeben...


Corina Bomann:
Und morgen am Meer

Jahr: 2013
350 Seiten

Meine Wertung:

  + 

Erster Satz:

Den ganzen Tag über war es schwül und drückend gewesen.

Inhalt:

Im Sommer 1989 ist Milena 17 und lebt im Ostberlin. Ihr großer Traum ist es, das Mittelmeer zu sehen, doch der Traum scheint unerreichbar. Sie und ihre Freundin nehmen gern Musik aus dem Radio auf Kassette auf, was gar nicht so leicht ist, denn Milenas altes Radio hat einen grausigen Empfang. Umso schlimmer ist es für sie, als sie eine mühevoll zusammengeschnittene Kassette in der S-Bahn verliert.
»Nun komm schon, das macht doch nichts!«, versuchte Sabine mich zu trösten, als mir schon die Tränen kamen. »Bespielst du eben ’ne neue Kassette. Ich hab sogar noch welche da.« Um die Kassette ging es mir nicht. Es ging mir um all die Arbeit, die ich in die Aufnahmen gesteckt hatte. Um all das Herumlaufen in meinem Zimmer, bis ich einen Punkt gefunden hatte, an dem der Empfang gut genug war. Um all das Hoffen, dass endlich mal das richtige Lied kam, das perfekte Lied, das nur einmal in Wochen oder Monaten gespielt wurde.
Ein ihr unbekannter Junge namens Claudius, der sie in der S-Bahn entdeckt hatte, findet die Kassette und schafft es tatsächlich, sie ihr am nächsten Tag zurückzubringen. Das allein ist schon irgendwie verwirrend, dazu kommt noch die Tatsache, dass Cornelius aus Westberlin ist!

So entsteht etwas überstürzt eine Romanze. Zeitgleich rückt Milena aber die Stasi auf den Hals - nicht nur aufgrund des Kontakts zu Claudius, dem Klassenfeind, sondern auch wegen der Vergangenheit von Milenas Familie, die ganz plötzlich über ihr zusammenbricht. Schließlich schmuggelt sich Claudius in Lebensgefahr nach Ostberlin hinein, um gemeinsam mit ihr zu flüchten und ans Mittelmeer zu reisen.


toll:

Nun gut, ich muss dazu sagen, dass ich ja aus (West)Berlin komme und aus der Zeit, in der das Buch spielt, schon bewusste Erinnerungen habe. Wir wohnten damals direkt an der Mauer, und ich erinnere mich an zwei Besuche in Ostberlin. Ich weiß auch noch, wie damals an einem Vormittag plötzlich dutzende Trabbis durch unsere Straße fuhren und die Geschäfte (diesmal auf Westseite) tagelang praktisch leergekauft waren. Und wie ich selbst ein buntes Stück Mauer eingesammelt habe. Daher hat das Buch natürlich einen klaren Heimvorteil, zumal ich sämtliche Bahnhöfe und Straßen kenne und die Geschichte daher unglaublich lebendig und nah wirkte. Auch durch die beschriebenen Geisterbahnhöfe bin ich früher gefahren...
Langsam fuhren wir durch den ersten Bahnhof, dessen Kacheln schmutzig, gesprungen oder abgeplatzt und auf dem Boden zerschellt waren. Eine Seifenreklame blätterte langsam von der Wand ab. Der Schriftzug »Potsdamer Platz« war nur schemenhaft in dem kalten, grünlichweißen Neonlicht zu erkennen.
In dieser alten Doku gibt es noch einige Aufnahmen vom damaligen Geisterbahnhof Potsdamer Platz (inzwischen ja wieder einer der wuseligsten Plätze Berlins!).

Es wird viel vom damaligen Alltagsleben in der DDR beschrieben, und da die Autorin selbst ungefähr Milenas Jahrgang ist und in Mecklenburg aufgwachsen ist, kommt das auch sehr realtistisch rüber. Nur am Berliner Di(j)alekt könnte noch ein wenig gefeilt werden (und wir sehen gnädig darüber hinweg, dass Nick Kamens Song "I promised myself" erst ein Jahr später aufgenommen wurde, aber es ist ja auch einfach ein tolles Lied).

Besonders toll fand ich, dass die bedeutende Ansprache von Genscher in der Prager Botschaft erwähnt wird, für mich mit einer der emotionalsten Momente in dieser Zeit:
Einen Moment herrschte vollkommene Stille, dann tönte die Stimme Hans-Dietrich Genschers durch die Lautsprecher. »Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …« Mehr verstand man nicht, denn die Menge brach in lauten Jubel und Geschrei aus. Leute weinten, fielen sich in die Arme. Auch ich klammerte mich an Claudius und begann zu weinen.
Hier gibt es einen ganz kurzen Dokufilm bei youtube darüber. Die beschriebene Szene startet bei etwa 2:20. 

Gefallen hat mir außerdem, dass die Kapitel nach den Liedern auf Milenas Kassette benannt wurden. Die Playlist mit allen Liedern darauf findet ihr übrigens hier. Gerade an der Stelle fällt mir nochmal auf, wie verstörend selbstverständlich vieles für uns ist. Während Milena eine ganze Woche Arbeit investiert, um diese Playlist verrauscht und mit abgehacktem Songbeginn auf ihre Kassette aufzunehmen, brauchen wir nur einen Klick. Die Einschränkungen für die meisten DDR-Bürger waren verglichen mit unserem Lebensstil extrem, und das liegt keine 25 Jahre zurück. Und trotzdem hat man sich damals seinen Humor bewahrt und was draus gemacht, was im Buch auch gut rüberkommt.


doof:

Hier könnte ich jetzt bemängeln, dass es ja völlig unrealistisch ist, dass Milena und Claudius sich innerhalb von nur wenigen Treffen derart ineinander verlieben, dass sie gemeinsam flüchten. Ich tu es aber nicht, da zum einen dadurch das Buch sehr dynamisch bleibt und zum anderen... herrje, die beiden stecken doch noch in der Pubertät. Da kann sowas durchaus mal vorkommen... Zumindest das Unverständnis für die Mauer und der Zorn, den die beiden schließlich auf die Politik und zum Teil auf ihre Eltern empfinden, wird gerade durch die Jugend sehr überzeugend. Also warum nicht auch eine etwas überstürzte erste große Liebe?


Fazit:

Ein Buch, das zwar vom eigentlichen Plot her relativ einfallslos erscheint, aber gerade durch diese ganz gewöhnliche Geschichte im Kontext mit den Grenzen und dem Zusammenbruch der DDR sehr stark wirkt. Unbedingt empfehlenswert für alle, die einen persönlichen Bezug zu dieser Zeit haben oder sich dafür interessieren. Falls ihr nicht viel Hintergrundwissen habt, lohnt es sich evtl. ergänzend einige Doku-Videos auf youtube anzusehen. Oh, und hört euch die Musik auf Milenas Kassette an! Die Musik der 80er war einfach toll...

PS: keine Panik, es wird nicht wirklich schnulzig!

1 Kommentar:

  1. Oh ja, bei der Botschaftsszene bekomme ich heute noch Gänsehaut. Das waren aufregende Tage damals, die ich als 15jährige schon sehr bewusst mitbekommen habe....
    Lieben Gruß,
    Manja
    www.manja-herkner.de

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