Dienstag, 29. Oktober 2013

Rachel Joyce - Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Aloha,

heute möchte ich eines meiner Lieblingsbücher vorstellen! Ich muss zugeben, ich ging mit wenig bis keiner Erwartung an das Buch heran. Ich habe es irgendwann im Rahmen einer größeren Ebookeinkaufstour mal auf mein kindle geschoben, eigentlich nur, weil ich selbst gern pilgere. Dann habe ich erst noch alles mögliche andere gelesen und die (erschlagend positiven!) Kritiken entweder vergessen oder gar nicht erst mitbekommen. Irgendwann, als grad nichts anderes auf dem Reader mich mehr anlächelte, hab ich es dann begonnen. Und kam nicht mehr davon los. Mein armer Freund wurde dauerhaft auf dem Laufenden gehalten, was im Buch gerade passiert...

Rachel Joyce:
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Jahr: 2013
384 Seiten

Meine Wertung:

(kommt man nicht von los!)

Erster Satz:

Der Brief, der alles verändern sollte, kam an einem Dienstag.
 

Inhalt:

Harold, der in sehr geordneten Verhältnissen mit seiner Frau Maureen in einer englischen Kleinstadt lebt, erfährt per Brief, dass seine frühere Kollegin Queenie an Krebs erkrankt ist und bald sterben wird. Er schreibt ihr eine Antwort und macht sich auf, um den Brief einzuwerfen.
»Ich geh mal schnell zum Briefkasten.« [...] »Bist du länger weg?« »Ich geh nur die Straße runter.«
In Gedanken versunken beschließt Harold, noch ein Stück weiter zu laufen, zum nächsten Briefkasten. Er erinnert sich an viele Momente, in denen er das Leben und die Menschen darin an sich hat vorbeiziehen lassen, weil seine eigene Hilflosigkeit und Unsicherheit ihn gelähmt haben. Er stellt fest, wie distanziert er und seine Frau nebeneinander her leben, wie wenig Bindung er zu anderen Menschen hat und zu seinem Sohn David, welcher sich zuhause nicht mehr blicken lässt. Sogar Queenie, die in ihrer Vergangenheit einmal etwas sehr wichtiges für ihn getan hat, hat er im Stich gelassen. Seit Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, seine Antwort auf ihren Abschiedsbrief kommt ihm schäbig vor.

Vor dem letzten Briefkasten am Stadtrand schließlich fasst er einen Entschluss: Er wird Queenie besuchen, und sie muss so lange am Leben bleiben, bis er bei ihr ist. Und bevor er zu viel über seine irrsinnige Idee nachdenkt und wieder in seinen geordneten, aber toten Alltag zurückkehrt, beginnt er, die 1000 km zu ihr zu laufen.

Auf dem Weg zu Fuß von Südengland zur Grenze Schottlands trifft er Menschen, denkt über Momente aus der Vergangenheit nach, lässt Sachen zurück und befreit sich. Man erfährt, wie verstockt und blockiert sein Leben war, ohne dass er es selbst gemerkt hat. Auch seine Frau Maureen beginnt, sich in seiner Abwesenheit zu verändern.

Zu Beginn seiner Reise hält sich Harold noch sehr nah an der Zivilisation, steht ohne Ausrüstung da und überlegt ängstlich, ob diese Idee wirklich gut war. Je weiter er in seinen inzwischen ausgetretenen Segelschuhen läuft, desto schlimmer wird die körperliche Belastung für ihn und desto mehr stürzen verdrängte Erinnerungen und Schuldgefühle auf ihn ein.
Es überraschte Harold, dass er sich an das alles erinnerte. Vielleicht lag es am Gehen. Vielleicht sah man mehr als die Landschaft, wenn man aus dem Auto stieg und seine Füße benutzte.
Er kämpft sich voran, sowohl auf seinem Weg als auch bei der Verarbeitung seiner Vergangenheit. Und schließlich ist ein Punkt erreicht, wo es mit jedem Schritt ein bisschen besser geht und er ein bisschen stärker wird. Harold beginnt jedoch zu fürchten, nach der Pilgerreise wieder zurück in seinen bisherigen Alltag zu fallen:
Er würde Queenie seine Geschenke geben und ihr danken, aber was dann? Er würde in sein altes Leben zurückkehren, das er fast vergessen hatte, ein Leben, in dem die Menschen Barrikaden aus Schnickschnack zwischen sich und der Außenwelt errichteten.

toll:

Das klingt jetzt erstmal alles nach einem furchtbar melodramatischen, theatralischen Selbsthilfebuch für Menschen in der Midlifecrisis. Ist es aber nicht - das Buch wird weder irgendwo pathetisch, noch kitschig oder klischeehaft. Harolds Probleme und deren Bewältigung nehmen zwar eine zentrale Rolle ein, seine Geschichte, in die man nach und nach vordringt, ist jedoch auch sehr spannend - und nicht so trivial, wie es zu Beginn scheint.

Dennoch sind alle Personen im Buch ganz normale Menschen mit realistischen und zum Teil ganz alltäglichen Problemen. Manch einer bemängelt diese Nutzung "klischeehafter Standardproleme" als einfallslos, ich fand das gut - die Geschichte wirkt dadurch realistisch und aus dem Leben gegriffen. Die angesprochenen Probleme sind nicht automatisch klischeehaft, nur weil viele Leute sie haben. Das ist überhaupt eine der Stärken der Autorin: aus dem Alltäglichen, Simplen etwas zu zaubern, das den Leser berührt. Ganz normale, alltägliche Personen, die an einem Punkt schließlich über sich hinauswachsen.

Auch der Schreibstil ist überhaupt nicht blumig oder ausufernd, sondern eher schlicht gehalten. Gerade deswegen passt er hervorragend zum Inhalt des Buches: weniger Schnickschnack, dann wird alles klarer. Trotzdem entsteht eine sehr gelungene Atmosphäre.

Die Vorstellung vom Charakter der Figuren bildet sich oft durch Kleinigkeiten wie nebensächliche Handlungen oder Kommentare. Dadurch wirken die Figuren sehr authentisch, auch ihre persönliche Entwicklung im Laufe des Buches ist absolut natürlich und überzeugend.

Wer Befürchtungen hat, dass aufgrund des Titels "Pilgerreise" irgendwelche theologischen Überlegungen im Buch angestellt werden, der sei übrigens ganz beruhigt, Religion wird nicht angesprochen.

doof:

Es ist viel zu schnell durchgelesen!

Stellenweise ist das Buch auch etwas deprimierend. Das ist allerdings nicht unbedingt negativ zu werten. Die Verarbeitung von Harolds Vergangenheit ist halt keine leichte Sache und nimmt stellenweise auch empathische Leser etwas mit.

Fazit:

Eigentlich unglaublich, dass dies erst Rachel Joyces erster Roman ist! Man liest nicht nur ein Buch, man läuft zusammen mit Harold nach Nordengland, man durchlebt mit ihm zusammen seine Erinnerungen, man entwickelt sich mit ihm zusammen.

Nur wirklich gute Bücher beinhalten eine Geschichte, in die man tatsächlich eintaucht. Nach der letzten Seite aber taucht man wieder auf, kehrt in seine eigene Welt zurück und wendet sich dem nächsten Buch zu. Dieses Buch aber schafft es, ein wenig im Herzen des Lesers hängen zu bleiben und ihn weiter zu begleiten.

Geeignet für Leser, die gern etwas stillere Bücher mit einer Botschaft lesen. Nicht geeignet für diejenigen, die eine Spannungskurve wie in einem Thriller erwarten oder für Pragmatiker, die sich fragen, warum Harold nicht einfach mit dem Auto gefahren ist oder denken, dass Harold tatsächlich glaubt Queenies Krebs durch das Pilgern zu heilen.

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Samstag, 26. Oktober 2013

Corina Bomann - Die Schmetterlingsinsel


Corina Bomann:
Die Schmetterlingsinsel

Jahr: 2012
561 Seiten

Meine Wertung:

Erster Satz:

Liebste Grace, ich weiß nicht, ob du mir inzwischen verziehen hast.

Inhalt:

Zu Beginn des Buches liest man einen Brief aus dem Jahr 1888 an eine gewisse Grace von ihrer Schwester. Man erfährt von einem Skandal, in welchen Grace offenbar verwickelt wurde und aufgrund desssen sie sich zurückziehen musste. Ein gewisser "er" würde jedoch bald zu ihr kommen (spätestens hier, also sage und schreibe auf Seite 2, stellt sich eine gewisse Vermutung ein, worauf die folgenden 559 Seiten abzielen könnten).

Einige Generationen später begegnet der Leser nun der in Berlin lebenden Diana, der Ururenkelin. Mit der Enkelin der Schwester von Grace, die von Diana als "Großtante" bezeichnet wird, hat sie noch eine gewisse Bindung. Als diese stirbt, erwähnt sie Diana gegenüber, dass auf der Familie ein dunkles Geheimnis lastet. Dieses soll erst gelüftet werden, wenn nur noch eine Nachkommin der Familie übrig bleibt (warum oder wer sich das überlegt hat, sei mal dahingestellt...). Überraschenderweise ist das natürlich Diana. Wie passend, dass ihr Mann sie auch gerade betrogen hat, so dass sie ohnehin eine Auszeit braucht und mal eben einige Wochen Zeit in eine Schnitzeljagd investieren kann. Der Butler ihrer Großtante scheint eingeweiht und lässt ihr in homöopathischen Dosen "Hinweise" zukommen, die sie auf der Suche nach dem Geheimnis ihrer Familie schließlich bis nach Sri Lanka bringen.

Parallel zu Dianas Suche liest man, was ihre Ururgroßmutter Grace dort 120 Jahre früher erlebt hat.

toll:

Die Geschichte von Grace ist ziemlich offensichtlich, spätestens nach 1/4 des Buches ist relativ klar, worauf es hinausläuft. Trotzdem ist es sehr angenehm, diesem Erzählungsstrang zu folgen. Die Charaktere sind hier zwar ziemlich nach schwarz/weiß-Schema eingeteilt, trotzdem ist eine Entwicklung der Protagonistin zu erkennen und die Hauptpersonen wirken sympathisch. Und obwohl man ahnt was kommt, so bleibt schließlich noch die Frage, wie genau dies passiert und was die Konsequenzen sein werden, so dass es dennoch spannend bleibt.

Die Atmosphäre des Erzählstranges aus der Vergangenheit ist sehr stimmig und man fühlt sich hineinversetzt in diese exotische Region, die Vergangenheit und die fremde Kultur. Dazu gibt es einen Haufen interessante Hintergrundinformationen.

doof:

Trotz der eigentlich guten Idee der Autorin hat man über lange Zeit das Gefühl, nur eine mittelmäßige Schmonzette zu lesen. Das liegt größtenteils an dem Erzählstrang von Diana, der meiner Meinung nach deutlich schlechter geschrieben als Graces Geschichte. Diana als Person wirkt, obwohl sie Mitte 30 ist und ein Anwaltsbüro besitzt, sehr unreif, ein bisschen dümmlich und überzeugt nicht. Ihre sich im Laufe des Buches entwickelnde Liebesgeschichte wirkt aufgesetzt und hätte wirklich nicht sein müssen.

Die Dialoge in Dianas Erzählstrang wirken fürchterlich hölzern, hier ein Beispiel:
»Wer weiß, ob wir auf der Plantage irgendwas finden.« »Wenn nicht, haben Sie immerhin den Ort gesehen, an dem Ihre Vorfahren gelebt haben. Die eigenen Wurzeln zu finden ist sehr wichtig.« Diana schmunzelte. »Ich glaube, ich sollte mir von Ihrem Optimismus eine dicke Scheibe abschneiden.« Jonathan breitete die Arme aus. »Ich habe genug für uns beide, schätze ich.«
...auch der Schreibstil ist nicht jedermanns Sache, da oft zu extrem bildhaften und krampfhaft poetischen Vergleichen gegriffen wird:
Das Licht war ganz anders als in Europa, und die Nebel hatten hier nichts Deprimierendes an sich. Sie wirkten vielmehr wie die Schleier einer erwartungsvollen Braut, die ihr Antlitz bald ihrem Geliebten zeigte.
Der Zusammenhang zwischen der aktuellen Handlung in Gegenwart und Vergangenheit ist ziemlich lose. Anfangs gibt es noch eingie Überleitungen, die nicht wirklich überzeugen, so zum Beispiel folgendes:
Auf einmal kam es ihr so vor, als würde jemand hinter sie treten und ihr leise die Geschichte dieses Gegenstandes ins Ohr flüstern.
Später wird selbst das weggelassen und das nächste Kapitel beginnt einfach in der jeweils anderen Zeit. Der Leser hat schon Informationen, welche man aus den dürftigen "Hinweisen", die Diana nach und nach zugespielt bekommt, beim besten Willen kaum herauslesen kann. Im Prinzip hätte Diana die Geschichte erst kurz vor Ende des Buches annähernd rekonstruieren können.

Besonders unglaubwürdig fand ich auch die Stelle, an der Diana einen dicken Brief findet, der womöglich alles erklären wird. Und was passiert?
Obwohl die Neugier sie beinahe umbrachte, beschloss Diana, den Brief erst später zu öffnen.
Stattdessen sucht sie nämlich lieber einen weiteren Tag nach Hinweisen und durchkramt staubige Archive.

Fazit:

Ich muss ehrlich sagen, die Bewertung fällt mir hier sehr schwer. Einerseits ist der Erzählstrang in der Gegenwart ziemlich öde und wirkt stellenweise sehr unlogisch (dazu später noch). Andererseits fand ich den Erzählstrang in der Vergangenheit eigentlich ziemlich gut. Vielleicht hätte man diese Verschachtelung, dieses "duuuunkle Familiengeheimnis" und die komplette Geschichte über Diana einfach lassen und dafür nur Graces Geschichte erzählen sollen, die an vielen Stellen noch ungenutztes Potential besitzt.

Ansonsten ist "Die Schmetterlingsinsel" eine nette Lektüre für Leute, die sich beim Lesen gern Welten erträumen. Wer Sinn oder gar Spannung erwartet, wird das Buch sicher nicht so mögen.

Wer das Buch wegen des Familiengeheimnisses lesen wollte und eine spannende Recherche und einige Wendungen erwartet, der ist vermutlich mit "Der verborgene Garten" von Kate Morton besser bedient.

Sehr passend an dieser Stelle noch ein Zitat aus dem Buch:
»Hin und wieder braucht der Mensch was Leichtes zwischendurch.«

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Nachüberlegungen:

Man kann dem Buch vieles vorwerfen, aber nachdem ich im Nachhinein noch einige Zeit darüber nachgedacht habe, konnte ich mir einige unlogische Dinge wieder hinbiegen. Daher hier meine Überlegungen, falls jemand das Buch ebenfalls gelesen hat und sich zwischendrin die gleichen Fragen stellte wie ich:
  •  Das "Geheimnis" ist ja nun wirklich net doll und nach spätestens einem Viertel des Buches weiß jeder, worauf es hinausläuft!
Das ist so nicht ganz richtig. Dianas Großtante spricht nämlich von einem Geheimnis, "das Grace nicht kannte". Es kann also nicht diese ganz offensichtliche Begebenheit gewesen sein, denn an dieser war Grace ja beteiligt. Viel mehr handelte es sich anscheinend um etwas, das kurz danach geschah und das sie offenbar tatsächlich nie erfahren hat. Das geht allerdings ziemlich unter, da obiges Zitat nur 4 Worte auf 561 Seiten sind, die in einem Haufen relativ unwichtiger oder oberflächlicher Handlung untergehen.
  • Warum muss Diana so eine Schnitzeljagd mitmachen, warum kann man das Geheimnis nicht einfach weitergeben? Warum halten überhaupt alle mit ihren Informationen hinter dem Berg und Diana muss für das "dunkle Familiengeheimnis", das ja mittlerweile auch schon die Ururoma betrifft, um die halbe Welt reisen?
Im Buch wird dafür das zugegeben schwache Argument angebracht, dass Diana die Vergangenheit vielleicht besser verstehen kann, wenn sie sie sich erarbeitet.
Wenn man die Entwicklung der Familie betrachtet, gibt es aber noch eine weitere Möglichkeit: Im Familienzweig von Graces Schwester wird der Skandal totgeschwiegen, da man hier noch bemüht um das Ansehen des Hauses ist. Graces Nichte macht da einen sehr verbitterten und konservativen Eindruck und wird es ihrer Tochter (= Dianas Großtante) daher nicht erzählt haben. Graces Tochter und Enkelin haben die Geschichte möglicherweise noch erfahren. Spätestens die Enkelin stirbt jedoch, bevor sie es ihrer Tochter weitererzählen kann.

Allerdings fiel mir noch etwas auf: Das eigentliche Geheimnis, das Grace selbst nicht kannte, kannte auch niemand der Nachfahren! Es wird letztendlich von jemandem außerhalb der Familie enthüllt und war maximal Graces Vater bekannt. Dann allerdings stellt sich die Frage, warum die nachfolgenden Generationen von der Existenz eines Geheimnisses wissen.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

super einfache, leckere Pralinen mit weißer Schoki, Nougat und Krokant

Aloha,
anbei ein kurzes und einfaches Rezept für leckere Pralinen! Sie sind super geeignet als kleines Mitbringsel zum Valentinstag, Jahrestag, für Geburtstage oder zum Teetrinken mit Freunden.

"Erfunden" hab ich das Rezept für meinen Freund zum ersten Jahrestag. Aus weißer Schokolade, weil er die so mag.


Man braucht dafür:
- eine Eiswürfelform aus Silikon, meine stammt aus einem bekannten schwedischen Möbelhaus
- für je ca 16 Pralinen (bei mir eine Form voll) 200 g weiße Schokolade oder Kuvertüre (es geht die ganz normale weiße Schoki vom Aldi, die sehr lecker ist, Kuvertüre ist etwas preiswerter, habe auch geschmacklich keinen großen Unterschied gemerkt)
- ein Tütchen gehackte Haselnüsse (alternativ Krokant, auch Zuckerperlen sehen sehr niedlich aus)
- eine Packung schnittfestes Nussnougat (hab ich beim Rewe gefunden), reicht vermutlich grob für 8 mal 16 Stück
- alternativ oder ergänzend zu Nougat gehen auch getrocknete Früchte, z.B. Cranberries (gibts beim Aldi)

Die Schokolade schmilzt man einfach im Wasserbad ein, indem man einige Stücken in ein hitzebeständiges Gefäß tut, das in einem Topf mit heißem Wasser auf dem Herd steht. Weil weiße Schokolade unglaublich schnell schmilzt, reicht die neidrigste Stufe in der Regel aus (und deswegen sollte man die Pralinen auch im Kühlschrank aufbewahren).

Mit einem Löffel kann man dann ein klein wenig der Schokolade in die Eiswürfelformen geben, grade so viel dass der Boden gut bedeckt ist. Etwas kühl werden lassen und vom Nougat kleine Scheiben abschneiden (meine waren ca. 5 mm dick), je eine in jede Form geben. Darauf dann wieder Schokolade gießen, so dass das Nougat bedeckt ist und drum herum auch Schokolade ist.

Die Haselnussstückchen kann man dann entweder jetzt draufbröseln (dann sieht es so aus wie auf dem Foto) oder bereits bevor man die erste Schokoladenschicht gegossen hat in den Boden der Form geben (dann sehen die Stücke eher etwas "eingeschlossen" aus, macht sich besonders bei Zuckerperlen gut!).

Das ganze im Kühlschrank kalt werden lassen und dann vorsichtig aus der Form lösen.
Fertig und total *omnomnomnom*

Absolut geniales "Plätzchen"rezept

Einst fand die Feri auf der Suche nach einem schnellen, leckeren Plätzchenteig zum Valentinstag einen Rezeptvorschlag für "Räuberplätzchen". Also fix den (damals noch lebenden) Krups Mix 3000 geschnappt und losgerührt... Was folgte, war die wohl chaotischste Mehlstaubexplosion, die der über 30 Jahre alte Mixer in seinem bewegten Leben gesehen hat!

Weil Feri schon immer etwas chaotisch, völlig unvorbereitet, dafür aber erfinderisch war, wurden nicht verfügbare Einzelkomponenten des Rezeptes nämlich einfach mal ersetzt (Lidl war ja mit 200 m Fußweg auch einfach zu weit entfernt!). So wurde aus Mandelpulver halt gehackte Mandeln und aus dem Rumaroma eine halbe Tasse Kirschmet *hust* (hauptsache Alkoholgehalt, dacht ich mir, war aber mal wieder zu ungeschickt um den beabsichtigten Esslöffel reinzukippen und leerte den halben Flascheninhalt in die Backschüssel *aaargh*).

Und so bastelte sich Feri ein neues Rezept, bestehend aus...

200g Zucker,
200g Margarine,
5 Freilandhaltungseiern von glücklichen Hühnern, auch wenn Feri Vögel eigentlich eh net mag,
1 EL Kakao, der in der Masse eigentlich völlig untergeht, aber als Hommage an das eigentliche Plätzchenrezept
100g geriebene oder geschmolzene Vollmilchschoki (geriebene schmilzt im Ofen dann eh weg, wie Feri nach etlichen stinkenden Rabiateinschmelzverfahren mit dem Becherglas auf dem Herd feststellte)
200g geriebene Mandeln oder 100g geriebene und 100g gehackte, je nachdem was grad da ist, zur Not gehen auch irgendwelche anderen gehackten Nüsse
80g Mehl
1 EL bis 1/2 Tasse Kirschmet, Kirschsaft, Klosterfrau Melissengeist, was einem so einfällt halt, bei Verwendung von eher geriebenen Mandeln etwas mehr, bei Verwendung von gehacktem Zeug etwas weniger (endlich etwas, das der angehende Bauingenieur auch fürs alltägliche Leben lernt: je kleiner die Korngröße des Betonzuschlages, desto größer die Oberfläche und desto größer der Bedarf an Bindemittel, sprich die flüssige Pampe um das Mandelteilchen)
 
Die Zubereitung ist denkbar einfach, was vor allem dann beglückend ist, wenn man den Rest des Kirschmets schon intus hat. Alles zusammenkippen (ja, es ist recht flüssig, die Konsistenz von Crêpes-Teig ist gut), in eine flache Form wie von einem Auflauf oder so ca. 1 cm hoch gießen (geschickte Mehlpyromanen legen die Form einfach mit Alufolie aus, um sich das Abwaschen zu sparen) und bei ~ 170° ungefähr so 30 Minuten vor sich hin backen lassen.

Fertig ists, wenn es eine zäh-elastische Masse bildet, in deren Oberfläche man mit dem Messer Einstichlöcher produzieren kann. Beim Abkühlen erhärtet sie dann noch ein wenig und kann dann in kleine Stücke geschnitten werden, für 3 x 3 cm scheint eine ausreichende Eigenfestigkeit gegeben zu sein.

Ist zwar nicht direkt ein Plätzchen, aber lecker und saftig. Ich backe dieses Zeug jetzt seit sage und schreibe achteinhalb Jahren, und alle, die sich bislang getraut haben das doof aussehende Bröselzeug doch mal zu probieren, waren begeistert. Auch der Teig im Rohzustand ist einfach klasse, beim gemeinschaftlichen Tussiweihnachtsbacken mussten wir mehrmals die Jungs aus der Küche werfen, weil ständig jemand kam und Teig klauen wollte.

Falls jemand ähnlich dezente Abwandlungen des Rezeptes vornimmt und etwas neues herausbekommt  (wer weiß, vielleicht eine Torte oder so...) würde ich mich über eine Nachricht sehr freuen!
 

Multioptions-Streuselkuchen

Aloha!

Passend zu meinen Multioptions-Muffins gibt es auch einen tollen Multioptions-Streuselkuchen, in den man praktisch alles reinpacken kann, zB Kirschen, Apfelstückchen, Stachelbeeren, Pflaumen...
Ein Teig, tausend Möglichkeiten

Zuerst braucht man für den Boden 250g Zucker, 250g Margarine, 500 g Mehl, ein Tütchen Backpulver, etwa 2 Esslöffel Milch und 3 Eier (Größe L, aus Freilandhaltung, wenn L net vorrätig ist gehen auch 4 M, wenn Freilandhaltung nicht vorrätig ist, dann Kuchenbacken bitte verschieben oder einen Veganer nach Ersatzmöglichkeiten fragen)

Das ganze rühren (hier bitte eine Gedenkminute für den besten Mixer aller Zeiten, meinen knallorangen Mix 3000 von Krups, der schon meinem Pabba zu Studienzeiten den Irish Coffee gequirlt hat und nach über 30 Jahren Dienstzeit den Knethaken abgegeben hat). Danach, klebrig wie es ist, auf ein mit Backpapier belegtes Blech schmieren. Die angegebene Teigfuhre passt für ein Blech.

Die Pflaumen, Kirschen oder was auch immer vornehmen und entkernen. Größere Teile wie Pflaumen sollte man halbieren oder noch weiter zerkleinern. Dann alles liebevoll auf dem halbwegs glatten Teig verteilen.
Dann werden die Streusel zusammengemixt. Dazu kann man entweder eine Fertigpackung Streusel nehmen oder 250g Butter (bzw ich nehm einfach den Rest der Margarine... weiß auch net warum meine Muddi hier auf Butter besteht), 250g Zucker und 250g Mehl verkneten. Rechtzeitig bei Klümpchenbildung aufhören, sonst wird aus den Streuseln nämlich Sand. Das wird jetzt auf die liebevoll arrangierten Früchtchen gekippt.

Ach ja, dann muss das Ding natürlich noch in den Ofen. Hier wirds jetzt kritisch. Die ursprüngliche Angabe war 180°, 90 Minuten. Das klappte mit dem Gurkenherd von meiner Muddi. Als ich das in meiner alten Wohnung versucht hab, hatte ich nach 40 Minuten ein schwarzes Brett im Ofen. Mit meinem jetzigen Herd fummel ich das mit 40 Minuten auf Ober- & Unterhitze in der mittleren und 15 Minuten auf Oberhitze in der obersten Schiene hin.
Faustregel: sobald es honigfarben-bräunlich wird, isses gut, sobald es schwarz wird, isses schlecht.

Multioptions-Muffins

Aloha,

aus meinem alten Blog rette ich jetzt auch noch ein paar Rezepte. Unter anderem, weil ich selbst mein Rezeptbuch ständig verdussel und sie dann hier schneller wiederfinde *hust*
Dieses Rezept ist für einen luftigen und recht einfachen Muffinteig, den man gut kombinieren kann mit verschiedenen Füllungen oder Schokosplittern und Kakaopulver.


Für 12 Muffins rühre man 120 g Magarine und 150 g Zucker schaumig, da hinein kommen noch ein Päckchen Vanilinzucker und 2 Freilandhaltungseier. Nach und nach dann 250 g Mehl und ein Päckchen Backpulver einrühren.
In die entstandene Pampe rührt man jetzt vorsichtig etwas Milch, solange bis man einen Teig hat, der net am Löffel festbappt sondern in die Muffinform fallen kann.

Wer so ein tolles Muffinblech hat, kann die Papierförmchen dort hinein legen und zu knapp 3/4 mit dem Teig füllen, wer keins hat, braucht immens viele Papierförmchen ineinander, weil das Zeug einfach nachgibt und der Muffin dann plattgetreten aussieht oder einfach kommentarlos auslaufen wird.

Wer Lust hat kann da jetzt noch eine Füllung reinstecken, ich habe mal je eine Schattenmorelle hineingestopft, was ganz gut wurde (nein, das ist kein Fisch, das ist ne Sauerkirschsorte!). Bei zweien brach der Muffin aber nach dem Backen völlig überfordert in der Mitte zusammen, man sollte es also nicht übertreiben, oder vielleicht die Füllung etwas zerhacken und untermischen. Ein Teelöffel Marmelade lässt sich ebenfalls ganz gut einrühren.

In meinem Ofen brutzelten die Muffins dann so 17 Minuten auf 200° vor sich hin. Das ist immer sehr Ofenabhängig - wenn sie leicht gebräunt aussehen, kann man einen Opfermuffin herauspicken und mit einem Schaschlikspieß hineinpieken um zu übeprüfen, ob der Teig innen schon durch ist. Etwas härter wird er ohnehin nur oben, der untere Bereich bleibt fluffig.

Den Zuckerguss bekommt man mit etwas Puderzucker, Wasser und Zitronensaftkonzentrat schnell selbst hin. Dabei sollte man das Wasser bzw die Zitrone tröpfchenweise zugeben, weil es viel zu schnell viel zu dünnflüssig wird, und dann mit einem Pinsel oder kleinen Löffel draufschmieren. Am besten an einem misslungenen Muffin (oder unserem Opfer von vorhin) ausprobieren, ob der Guss zähflüssig genug ist.
Natürlich kann man auch Speisefarben in den Zuckerguss mixen, oder man nimmt Schokoguss aus geschmolzener Kuvertüre (dazu passen dann draufgebröselte Krokantstückchen hervorragend).

Gehäkelte Blumen

...hier mal wieder ein Häkelwerk mit Anleitung.
Diese knuffigen Blumen gehen schnell und man braucht nur ein paar Wollreste, geht natürlich auch in fröhlicheren Farben als hier abgebildet (aber meine Freundin wollte damals unbedingt popelgrün!).


kleine Blume:
1. Startmasche und vier Luftmaschen, dann mit einer Kettmasche in die Startmasche -> Ring mit 5 Maschen
2. In jede Masche 2 feste Maschen häkeln -> 10 Maschen, mit Kettmasche abschließen
-- Hier kann jetzt die Farbe gewechselt werden! --
3. In eine Masche eine feste Masche, ein halbes Stäbchen, ein einfaches Stäbchen und ein doppeltes Stäbchen häkeln. In die nächste Masche das selbe in umgekehrter Reihenfolge, 4 mal wiederholen -> 5 Blütenbätter
4. Den Faden durch die Masche des ersten Stiches des ersten Blattes (die feste Masche) nach hinten ziehen.
Bei Bedarf kann man jetzt noch mit einer anderen Farbe den inneren Kreis umsticken.

große Blume:
1. Eine kleine Blume häkeln
2. Nun wird ein neues Stück angefangen. Zuerst eine Startmasche und 9 Luftmaschen häkeln und mit einer Kettmasche verbinden -> Ring mit 10 Maschen
3. Feste Maschen häkeln und in jede 2. Masche 2 häkeln -> 15 Maschen
4. In jede Masche 2 feste Maschen häkeln -> 30 Maschen
5. In eine Masche ein halbes Stäbchen und ein einfaches Stäbchen häkeln, in die folgende Masche dann ein doppeltes Stäbchen und ein dreifaches Stäbchen *schwitz*
In die nächsten beiden Maschen dann wieder beides in umgekehrter Reihenfolge, um die zweite Hälfte des Blattes zu bekommen. 4 mal wiederholen.
6. Den Faden durch die Masche des ersten Stiches des ersten Blattes (das halbe Stäbchen) nach hinten ziehen.
Das Teil wird ziemlich wellig werden, was aber recht hübsch aussieht wenn man jetzt die kleine Blume drauf fest näht. Man kann einfach mit einem Faden des größeren Teils direkt um den inneren Kreis der kleinen Blume nähen, oder man nimmt einen andersfarbigen Faden.

...um die Blumen zu befestigen, kann man mit den überhängenden Fäden auf der Rückseite eine Sicherheitsnadel anknoten. Oder man näht sie damit direkt irgendwo fest.
Oder man klebt sie mit Heißkleber auf Magneten. Das kann man auch prima mit anderen Utensilien wie kleinen Schleifen, Stoffblumen oder Muscheln machen:

Utensilien- und Stiftehalter aus alten Konservendosen

Aloha,
anbei mal wieder eine Kreatividee von mir
Aus alten Konservendosen kann man wunderbar Behälter basteln, in denen man Stifte, Pinsel, Häkelhaken und sonstige längliche Dinge aufbewahren kann. Finde ich sinnvoller als Etuis, da man so schneller an alles dran kommt. Bei Pinseln hat man zusätzlich noch den Vorteil dass man sie auch nass zurückstecken kann.


Der linke Behälter betseht aus einer großen Dose Wasabi-Erbsen umwickelt mit einem gestrickten Schlauch, an dem ich 2 gehäkelte Blumen angenäht habe. Der rechte war früher mal eine Dose Kichererbsen, die nun in ein Stück Stoff gekleidet meine Stifte halten darf.
Der mittlere besteht aus einer Dose Erbsen mit Möhrchen und hat einen gehäkelten Schlauch, hierbei habe ich einfach mit zwei Farben gleichzeitig rundgehäkelt, so dass eine Spirale entstand. Weil ich beim lila Garn nicht in die obere Schlaufe der weißen Reihe gegangen bin sondern "unter dem Stäbchen hindurch" den Faden gegriffen habe, entstand diese kleine umlaufende Borte, an der ich meine Stitch-Marker aufgehängt habe. Auch Stopfnadeln kann man prima einfach hineinpieksen, damit sie nicht verloren gehen:


...Alle Ummantelungen hab ich übrigens total faul (aber dafür sehr sauber) mittels Doppelklebeband befestigt. Bei der Ummantelung mit Stoff hat es sich bewährt, unten drunter eine runde Pappscheibe zu kleben (etwas kleinerer Durchmesser als die Dose), damit der umgeknickte Stoff nicht herumgezerrt wird, wenn man den Behälter bewegt.

gefilzte Hülle für 6 Zoll Kindle E-Bookreader

Aloha,

ich habe meinen ersten Versuch mit Strickfilz hinter mir! Es wurde eine (schon lange überfällige) Schutzhülle für mein kindle. Da ich anfangs etwas verunsichert war, wie groß ich die nun stricken muss und wie das Filzen geht, und da meine Häkel- und Strickecke ja auch lange nicht mehr bebloggt wurde, werde ich jetzt hier eine kurze Anleitung dazu schreiben. Eigentlich ging es deutlich einfacher, als ich erwartet habe!

Verwendet habe ich die Strick- & Filzwolle von der Firma Wolle Rödel in den Farben erika und lila sowie eine Rundstricknadel in Größe 8. Pro Farbe ist ein 50 g Knäul (kostet in der Regel 2,99) locker ausreichend.

Erstmal wird das ganze normal gestrickt, allerdings muss man hier aufpassen, dass die Wolle beim Filzen später noch gut 1/3 einläuft. Für das Amazon kindle mit 6 Zoll (11,5 mal 16,5 cm Größe) habe ich in abwechselnden Streifen 48 Reihen zu je 40 Maschen gestrickt.
Da ich noch Noob bin, hab ich ein Rechteck gestrickt und das zusammengenäht, vermutlich wäre es sinnvoller, gleich einen Schlauch zu stricken *hust* Die Naht wird aber später durchs Filzen sowieso recht gut verborgen. Sinnvoll ist es, immer mindestens 2 Reihen rechts & links, also insgesamt mindestens 4 Reihen in einer Farbe zu stricken, da ansonsten beim Filzen die Streifen sehr dünn werden und evtl. eher dreckig aussehen.

Schon vor dem Filzen kann man die Hülle dann unten (und wenn nötig an der Seite) zunähen, denn die Beutelfunktion bleibt erhalten, da filzt nichts zusammen! Das ganze sieht dann im Verhältnis zum Reader ziemlich riesig aus:
Gefilzt wird jetzt in der Waschmaschine mit ein wenig Vollwaschmittel. Wolle Rödel empfiehlt 40 bis 60 Grad und die Zugabe von Handtüchern oder Tennisbällen. Ich hab zwei Badetücher dazugeworfen und alles auf Kurzwäsche bei 60 Grad gestellt. Das war schon fast etwas zu viel des guten, denn die Hülle kam dann eher in Größe einer Handysocke wieder raus
Aber: glücklicherweise lässt sich noch sehr viel zurechtzuppeln während die Hülle noch nass ist! Es empfiehlt sich daher, eine in Frischhaltefolie eingeschlagene Form bereitzuhalten, beispielsweise aufeinandergeklebte Wellpappen in der zugeschnittenen Größe, über die man die nasse Hülle dann vorsichtig zieht. Ich hab dann ein Handtuch darum gewickelt und vorsichtig etwas Wasser herausgepresst und sie dann von außen gut trocknen lassen. Danach konnte ich die Form herausnehmen, damit sie auch von innen trocknet.
Heraus kam ein sehr dichter, kompakter Filz und die Größe passt perfekt!

Halloweenkostüm: Zombiebraut

(Mein liebstes Halloween-Kostüm!)

Aloha!
Hier möchte ich euch kurz zeigen, wie man sich ein sehr schönes Zombiebrautkostüm selbst macht. Wenn man es geschickt anstellt, kommt man dabei deutlich billiger weg, als wenn man ein fertiges von der Stange kauft. Außerdem ist es besser verarbeitet und das Herstellen macht (passend zum heidnischen Neujahrsfest Halloween) auch noch einen Heidenspaß!

Schritt 1: Das Kleid!
Darum dreht sich ja schließlich alles, ob lebendig oder untot. Bei Ebay erstand ich über einen chinesischen Händler ein "Wunderschönes Prinzessinnen Brautkleid" für 20 Euro. Maßgeschneidert, wohlgemerkt (ich begreife nicht, wie heiratende Leute für sowas in Deutschland ein Vermögen hinblättern...). Ist es net ein Traum?
 

Schritt 2: Kreativ Zerstören!
Jetzt fängt es an, Spaß zu machen. Das Ding muss zerrissen und befleckt werden!
Dummerweise sehen absichtlich zerstörte Gegenstände häufig auch absichtlich zerstört aus, deswegen muss man sich selbst bei einer eigentlich trivialen Aktion wie dieser trotzdem Mühe geben. Ursprünglich hatte ich geplant, mit dem Ding einfach ein paar Stunden durch den Wald zu rennen oder im Modder zu kriechen. Da erinnerte ich mich aber daran, dass ich leider nicht allein auf der Welt bin und zu Halloween ja hier und nicht in einer geschlossenen Anstalt sitzen wollte, daher fiel diese wunderbare Methode erstmal weg. Eine Alternative wäre noch ein heftiger Kampf mit einer Katze, aber da kenn ich leider auch niemanden, der mir so ein Tierchen mal leihen könnte.
 
Also hab ich das raschelnde, klinischweiße Monstrum von Kleid einfach in die Badewanne geschmissen und ein Pfund Kaffee und ein paar Liter kochendes Wasser draufgekippt.
 
...da riecht doch gleich die ganze Wohnung wie die Büroküche am Vormittag
Ab und zu umgerührt und nach einigen Stunden des Einweichens war der Tüllanteil des Kleides gleichmäßig dreckbeige und der Satinanteil fleckig cremefarben bis braun. Nachdem ich das Kleid aus dem Kaffee gezogen hab, hab ich es einfach zum trocknen in die Dusche gehängt und dann später die restlichen Kaffeebrösel herausgeschüttelt. Schade, dass die Brösel wieder abfallen. Sieht so schön nach Dreck und Erde aus...

...um dem ganzen jetzt noch ein etwas fleckigeres Erscheinen zu verleihen, habe ich schließlich ein paar Beutel schwarzen Tee genommen, auf dem Kleid verteilt und wieder mit kochendem Wasser übergossen, was etwas rötlichere Flecken ergeben hat, und außerdem den Rest einer dunkelbraunen Haartönung hineingeschmiert.

Mit Hilfe eines Skalpells (alternativ geht auch ein Teppichmesser oder so) hab ich dann Löcher und Laufmaschen hineingerissen. Einige davon hab ich dann einfach noch weiter eingerissen. Bei 5 Lagen Tüll hat man ja ordentlich was zum zerfetzen, da entwickelte sich aus halbabgerissenen Stücken dann sogar eine kleine Schleppe.

Schritt 3: Trägerin an Kleid anpassen
Spätestens hier stand ich jetzt vor einer der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens. Wie ist meine Zombiebraut gestorben? Meine erste Idee war eine aufgeschlitzte Kehle, für die es wirklich erstaunlich realistische Latexapplikationen gibt und was natürlich ein wunderbarer Anlass dafür gewesen wäre, das komplette Dekolletee und das halbe Kleid mit Kunstblut vollzusudeln.
Eine etwas exotischere Zombiebraut wäre aber die halb aufgeweichte Wasserleiche, die erst nach einigen Tagen wieder aus dem Sumpf emporstieg. Da bei meinem damaligen Freund im Aquarium die Wasserpest dringend einen neuen Haarschnitt gebraucht hätte, hätte ich die Gelegenheit nutzen und die Wasserpflanzenstränge dekorativ zwischen die Laufmaschen und in meine Haare weben können. Leider bräuchte ich aber als Wasserleiche größere Mengen weißer Schminke auch auf den Armen und Schultern und überhaupt an viel zu viel Stellen, und ich hätt net so schön mit Kunstblut rumschmieren können (außer natürlich, es stammt von meinen Opfern).
Für den Fall, dass man weder einen Latexkehlschnitt noch genügend weiße Farbe oder Algen auftreiben kann, kann man natürlich auch die subtilere Variante nehmen: die Hochzeitstorte war vergiftet. Tortenschmiere auf dem Kleid kann man dann auch wunderbar als beabsichtigtes Ausdrucksmittel entschuldigen.

Als Accessoire möglich wäre nun natürlich noch ein verwelkter Strauß irgendwelcher Blümchen, oder, wenn man net den klassischen Zombie will sondern eher eine besessene Braut, ein überdimensionales Fleischermesser. Ich hab einfach die abgefetzten Reste vom Kleid zusammen mit ein paar ebenfalls schön braun gefärbten Stoffblumen noch an einen Haarreifen geklebt.

Gesicht und Lippen werden dann möglichst hell gepudert, die Augenringe betont (klasse war hierfür der extrem billige Duo-Lidschatten von uma, Nummer 3 "shocking pink", mit Pink direkt das Auge umranden, mit dem lila die Augenringe und ein bissel das Lid bepinseln, alles wild verwischen).

i-Tüpfelchen ist dann noch ein schönes, vergilbtes, wild abstehendes Gebiss aus dem Festbedarfsshop um die Ecke, der Traum jedes Kieferchirurgen!
Schließlich hab ich mir noch etwas selbstgebrautes Kunstblut aufs Kleid und an den Mund gekippt...und fertig is das wunderschöne Zombieprinzessinnen Brautkleid mit untoter Feri drin!! Yeeehaa!

(hier seht ihr mich, wie ich gerade von einem als Dr. Tod verkleideten Freund angegriffen werde).

Dieses schöne Kostüm hier hat mir jetzt schon bei drei Horror-Videoabenden und einer wilden Party zur Seite gestanden. Dieses Jahr werd ich es wohl leider nicht anziehen, aber dennoch sollte es hier gewürdigt werden.
Schöne, eklig schwärende Wunden selbst machen kann man übrigens mit einer Packung Latex oder Gelafix aus dem Kostümbedarf oder Scherzartikelladen. Das wird erwärmt und dann mit einem Pinsel auf die Haut aufgetragen, am besten klebt man sich damit Fetzen von Taschentüchern ins Gesicht. Wenn es getrocknet ist, kann man diese dann aufreißen und mit Makeup, Puder und Kunstblut in aufgerissene Wunden oder hängende Hautlappen verwandeln.

Leider habe ich grad kein schöneres Foto, aber hier seht ihr mich  mit Latex im Gesicht und meinem Gummigebiss auf dem Weg zum Zombiewalk nach Frankfurt (wohin ich - ganz casual - mit zwei weiteren Zombies in der S-Bahn unterwegs war). Das Gebiss hat übrigens noch den schönen Bonus, dass man ständig creepy schlürfende Geräusche macht und keine klare Aussprache mehr hat.

Montag, 21. Oktober 2013

Tim Burton - Der melancholische Magier


Tim Burton:
Der melancholische Magier

Jahr: 2012 (überarbeitete Auflage)
368 Seiten

Meine Wertung:
Fast jeder kennt Tim Burton von den Klassikern "Nightmare before Christmas" und "Edward mit den Scherenhänden", vielleicht auch von "Alice im Wunderland" oder "Sleepy Hollow". Eher unerwartet ist, dass er auch an "Batman", "Batman returns" und "Planet der Affen" mitgearbeitet hat. Nun gibt es diese sehr liebevoll und persönlich gestaltete "Biografie" von ihm.

Inhalt:

Das Buch beginnt mit (inzwischen) zwei Vorwörtern von Johnny Depp, der inzwischen ja ebenso wie die creepy Atmosphäre zu einem Markenzeichen von Burtons Filmen geworden ist.
 
Im Buch wurden Ausschnitte aus Interviews der letzten 20 Jahre gesammelt, allerdings in einer sehr leseangenehmen Form: Burtons Aussagen wechseln sich ab mit kurzen Einschüben, die generelle Informationen liefern und zum nächsten Interviewstück überleiten. Dadurch entsteht ein angenehm zu lesender Fließtext und es wirkt fast so, als würde Burton das komplette Buch über selbst und zusammenhängend erzählen.
 
Hauptthema sind ein kurzer Überblick über seine Kindheit in einer Kalifornischen Vorstadt, seine Arbeit bei Disney und schließlich seine diversen Filme. Ziel des Ganzen ist es aber nicht, seine Biografie zu erfahren, sondern eher, seine Filme zu verstehen. Auch die biografischen Elemente des Buches dienen eher dazu, den persönlichen Bezug Burtons zu den Filmen bzw. deren Charakteren erkennbar zu machen. Das Buch behandelt die Filme bis einschließlich "Alice im Wunderland", d.h. zu "#9", "Dark Shadows" und "Frankenweenie" gibt es leider keine Infos mehr außer einer kurzen Auflistung im Anhang.

toll:

Was mir bei diesem Buch am meisten auffiel war, wie liebevoll und persönlich es geschrieben ist. Dadurch fühlt man sich irgendwie angesprochen und miteinbezogen, anstatt nur eine simple Biografie eines anderen Menschen durchzulesen. Sogar die Vorwörter von Johnny Depp habe ich gern gelesen, obwohl ich sonst um Vorwörter immer einen weiten Bogen mache!

Man bekommt eine recht detaillierte Vorstellung vom Charakter Burtons, was auf viele seiner Filme ein neues Licht wirft. Ähnlich wie viele seiner Figuren fühlt sich Burton beispielsweise als gesellschaftlicher Außenseiter. In seinen Filmen sind die Hauptfiguren oft merkwürdig und werden von der Gesellschaft als Freaks betrachtet. Burton jedoch meint, dass sie eigentlich viel normaler sind, als die Menschen um sie herum. Durch seine persönlichen Eindrücke von unserer Gesellschaft lässt sich das nachvollziehen:
Obwohl ich in der Vorstadt groß geworden bin, gibt es Aspekte des Lebens dort, die ich immer noch nicht richtig verstehe – etwa eine bestimmte Leere und Bedeutungslosigkeit, die über allem liegt und die mir auch bei meiner Familie aufgefallen ist. Ich hatte beispielsweise nie das Gefühl, dass meinen Eltern die Bilder, die sie an den Wänden hängen hatten, wirklich gefielen, dass sie sie irgendwann mal gekauft oder von jemandem geschenkt bekommen hatten. Es war beinahe so, als seien die Bilder schon immer dort gewesen, obwohl sie niemals jemand betrachtete. Ich habe mich immer gefragt: »Was zum Teufel soll das sein? Wo haben sie die künstlichen Weintrauben bloß her? Was bedeuten sie?« Die Vorstadt war ein Ort, der keinen Sinn für Geschichte oder Kultur und keine Leidenschaft für irgendetwas hatte. Man hatte zum Beispiel nie den Eindruck, dass die Leute eine bestimmte Musik mochten. Sie zeigten ihre Gefühle auch nicht. Man war gezwungen, sich entweder anzupassen und sich von einem Großteil seiner Persönlichkeit zu trennen oder ein starkes Innenleben zu entwickeln, was einem wiederum das Gefühl vermittelte, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein.
Besonders in den ersten Abschnitten des Buches versucht Burton noch, sich den Konventionen anzupassen, beispielsweise während seiner Arbeit als Trickfilmzeichner bei Disney. Doch so wirklich glücklich und kreativ ausgelastet ist er dabei nicht. Schließlich beschließt er, einfach zu tun was ihm selbst gefällt, egal, was andere dazu sagen:
[...] wenn man älter wird, geschieht etwas mit einem. Die Gesellschaft treibt einem bestimmte Dinge aus. [..] Dann heißt es: »Nein, nein, so kannst du das nicht zeichnen. Du musst es so machen.« Ich erinnere mich, dass ich irgendwann furchtbar frustriert war – weil ich gern zeichnete, es aber eigentlich nicht richtig konnte. Doch dann kam mir eines Tages die Erleuchtung. Ich saß über einer Zeichnung und dachte: »Verdammt, ist mir doch egal, ob ich zeichnen kann oder nicht. Es macht mir einfach Spaß!« Und ich schwöre bei Gott, plötzlich besaß ich eine Freiheit, die ich vorher nicht hatte. [...] Und bis heute ringe ich darum, mir dieses Gefühl zu erhalten – besonders immer dann, wenn jemand sagt: »Das kannst du so nicht machen. Das ergibt keinen Sinn.«
Das Buch macht einfach Mut, seinen eigenen Weg zu gehen - sei es als Künstler oder auch einfach nur als Mensch.

Ein zusätzliches Schmankerl sind die vielen Fotos und diese furchtbar niedlichen Konzeptzeichnungen von Burton, die das Buch lebendig und "burtonesk" machen.

doof:

Zu Beginn des Buches wird leider zunächst relativ unzusammenhängend von einem Film zum nächsten gehopst, über jeden werden 2 - 3 Sätze gesagt. Wer noch keinen Überblick über Burtons Filme hat, kommt da vielleicht etwas ins Strudeln. Zur Not gibt es aber im Anhang noch eine Auflistung aller Filme, an denen er mitgewirkt hat, größtenteils auch mit einer Zusammenfassung der Handlung.

Was mich aber eher gestört hat war die häufige Wiederholung bestimmter Dinge, beispielsweise dass Butron einen  persönlichen Bezug zum Thema braucht:
Wenn ich nicht genau das machen kann, was ich will – was nicht heißen soll, dass das, was ich machen will, immer das Richtige ist –, leiste ich einfach keine gute Arbeit. Ich brauche einen persönlichen Bezug zum Thema.
Der Aspekt an sich ist zwar sehr wichtig und zieht sich ja auch durch sämtliche seiner Arbeiten. Es deshalb jedes mal wieder ausgeschmückt zu hören, ist aber irgendwann dann auch langweilig.

Fazit:

Ein wunderschönes Buch und viel mehr als nur eine Biografie! Es ist aus künstlerischer Sicht sehr inspirierend und macht Mut, den eigenen Weg zu gehen, egal, wie absonderlich der aussieht. Es ermutigt auch die, die einfach nicht so ganz zur Gesellschaft zu passen scheinen.

Am letzten Stern ist das Buch eigentlich nur vorbeigeschrammt, weil es zum Ende hin langsam etwas redundant wird... Empfehlen würde ich es jedem Tim Burton Fan, aber auch Leuten, die schon mehrere seiner Filme gesehen haben, da es einfach den Blick darauf verändert und einem die Filme dadurch viel mehr geben können. Außerdem jedem, der gern kreativ arbeitet, etwas verschroben ist oder einfach irgendwo während meiner Rezension einen persönlichen Bezug gespürt hat...

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Freitag, 18. Oktober 2013

Anne Rice - Das Geschenk der Wölfe


Anne Rice:
Das Geschenk der Wölfe

Jahr: 2013
656 Seiten

Meine Wertung:
gelegentlichbis hin zu
Nach der bekannten und erfolgreichen Vampirchronik, den Mayfairhexen und einigen mehr oder weniger guten Einzelbüchern startet Anne Rice nun wieder eine Chronik. Dass sie sich dabei nun der Werwolfmythologie bedient ist irgendwie naheliegend (und etwas einfallslos), aber wer weiß, vielleicht kann sie aus dem Mainstreamthema ja trotzdem noch etwas zaubern...

Inhalt:

Der Journalist Reuben soll im Auftrag einer Erbin einen Bericht über ein altes Herrenhaus an der Küste Nordkaliforniens schreiben, da diese das Haus verkaufen will. Spontan haben die beiden eine Affäre, in der selben Nacht jedoch wird das Herrenhaus angegriffen. Zur Verteidigung springt ein merkwürdig starker "Hund" herbei, von dem Reuben versehentlich gebissen wird. Nun geht merkwürdiges mit ihm vor. Während der Leser natürlich von Beginn an wusste, was die Autorin im Schilde führte, muss Reuben mit seiner Familie erstmal eine Weile herumrätseln.

Reuben erfährt zwischenzeitlich, dass die Erbin ihm das gesamte Herrenhaus mal spontan geschenkt hat. Also braucht er den Bericht nicht mehr schreiben und kann sich fortan der Erkundung seiner neuen Fähigkeiten widmen. Zusehends verändert sich aber auch seine Wahrnehmung und Beurteilung der Welt um ihn herum, so dass er vieles eher von einem tierischen, archialischeren Standpunkt aus betrachtet. Er betätigt sich ein bisschen als Superheld, was ihm Fans in der Stadt einbringt und einen Werwolfhype entstehen lässt. Allerdings geht er eben auch sehr animalisch (d.h. brutal) vor, so dass er auch viel Hass und Furcht erzeugt.

Weil Reuben so clever war, sich überall sehen zu lassen (Rices Vampire hätten die Krise bekommen...), tauchen natürlich bald Personen auf, die ihm Übles wollen... 

toll:

Das Buch lebt, wie die meisten Bücher von Anne Rice, hauptsächlich vom Schreibstil und der absolut genialen Atmosphäre. Auch die Verwandlung von Reuben ist unglaublich gut geschrieben, nicht nur was den körperlichen Aspekt angeht, sondern auch, wie er sich psychisch verändert. Man kann sich dadurch, auch wenn der Charakter relativ flach bleibt, gut in ihn und seine Gefühlslage hineinversetzen. Auch die relativ vielen blutigen Szenen sind eindrucksvoll geschrieben, ohne dass ein Splatter draus wird.

Wer schon andere Bücher von Anne Rice gelesen hat, die in den USA spielen, wird sich bezüglich der Ortsbeschreibungen sofort heimisch fühlen und viele Motive wiedererkennen. Auch die Bougainvillea, scheinbar Frau Rices Lieblingspflanze, wuchert wieder üppig. Hinzu kommt, dass ich alte Häuser einfach liebe. Wenn die dann auch noch an einer Klippe und an einem Mammutbaumwald stehen...

Sehr gut überlegt fand ich auch die Reaktionen der Menschen auf Reubens Handlungen. Dadurch, dass hier viel mehr Kontakt zur "normalen" Menschenwelt stattfindet als beispielsweise in der Vampirchronik, wird die Situation viel realer und spannender.

doof:

Während man den Verwandlungsaspekt und die Veränderungen von Reuben sehr gut nachvollziehen kann, gibt es leider auch viele Stellen, bei denen ich sogar unter Aufbringung sämtlicher Empathiereserven einfach nicht verstehe, was in gewissen Personen vorgeht.
Das liegt zum einen am relativ flachen/stereotypen Charakter, zum anderen an dem Aspekt der, wie soll ichs nennen... Relativ willkürlichen, spontanen Zuneigung der Charaktere zueinander und andererseits der Gleichgültigkeit? Bereits bei Anne Rices früheren Büchern fiel mir ja schon auf, dass Beziehungen zwischen sich gerade erst begegnenden Charakteren oft etwas übereilt vom Zaun gebrochen werden. Hier wird das mehrfach besonders deutlich. Reuben beschließt spontan, eine Affäre mit der natürlich sofort einverstandenen Herrenhauserbin zu haben, obwohl er eigentlich eine Freundin hat (die nebenbei fester in Reubens Familie eingegliedert zu sein scheint als er selbst). Diese erfährt zwar irgendwie davon, es ist ihr aber herzlich egal. Daher stört es auch nicht weiter, dass Reuben kurz darauf das nächste willige Weibchen findet, das ihn als Werwolf antrifft und sofort mit ihm ins Bett springt. Klar, was liegt auch näher, wenn man allein und abgeschieden im Wald wohnt und eines Nachts grad ein Werwolf (singend und tanzend) vorbeikommt?
Irgendwann erwägt Reuben dann doch mal, mit seiner Freundin Schluss zu machen. Praktischerweise hat die sich nebenbei bereits seinen besten Kumpel geschnappt, niemand ist böse, alle sind glücklich. Und der Leser möchte seinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen.
Auch dass Reuben das Herrenhaus dann einfach mal geschenkt bekommt ist so eine Stelle, wo Anne Rice es sich irgendwie einfach macht. Indem Charaktere spontan zu "etwas Besonderem" gemacht werden, bekommt man seine wichtigen Storyelemente sofort, ohne dass man großartig erklären muss. In nem Computerspiel würde ich das cheaten nennen ;)

Ebenfalls Rice-typisch sind diverse theologische Anklänge und religiöse Diskussionen im Buch, die - vorsichtig ausgedrückt - nicht von jedem so nachvollziehbar sind... Glücklicherweise kommt dies aber nur wenig vor und passt auch irgendwie ein bisschen zum Setting (da Reubens Bruder sowieso Priester ist). 

Fazit:

Wenn man zumindest die ersten Bücher der Vampirchronik mochte oder etwas düstere Atmosphäre und einen ernsthafteren Umgang mit übernatürlichen Wesen gern hat, könnte Gefallen an "Das Geschenk der Wölfe" finden. Allerdings muss man über die (typischen) Schwachstellen Anne Rices hinwegsehen können, denn die sind in diesem Buch leider ziemlich stark ausgeprägt. Daher gebe ich eine Wertung von 3/5 Sternchen. Was wär so schlimm dran gewesen, wenn Reuben das Haus einfach kauft, keine Affäre hat und man die Rolle der lykantrophilen Dame und der bestehenden Freundin zusammenlegt? Dadurch wäre das ganze deutlich weniger irritierend und hätte noch Potential für einige interessante Szenen geboten (beispielsweise dass man erstmal verarbeiten muss, dass der eigene Partner ab und zu etwas flauschig herumläuft).

Trotzdem steckt in der werdenden Reihe viel Potential drin! Etwas schade fand ich in diesem ersten Band, dass es wenig Rückblenden gab und fast alles in der Gegenwart spielte. Wenn Rice die Werwolfchronik aber ähnlich aufbaut wie die Vamprichronik, dann wird es sicher auch Bände aus der Sicht anderer Werwölfe und aus vergangenen Zeiten geben. Viktorianische Werwölfe, das wär toll...

Da auch die Vampir- und Mayfairreihen irgendwann zusammengeführt wurden ist es außerdem möglich, dass die Werwölfe im gleichen Universum spielen und sich irgendwann dazugesellen. Ich frag mich nur, warum so oft Vampire und Werwölfe parallel auftreten müssen. Wie wärs denn mal mit z.B. Vampiren und Einhörnern, Werwölfen und Zombies (oder Zombieeinhörnern? Oh mein Gott ich muss ein eigenes Buch schreiben!) Wie dem auch sei, sobald Anne Rices Vampire und Werwölfe aufeinander treffen, könnte es nochmal interessant werden. Gibts dann eine epische Schlacht, bis eine Seite vernichtet wurde? Oder finden sich wunderlicherweise ein Vampir und ein Werwolf zusammen (da fällt mir auch direkt ein geeigneter männlicher Werwolf ein, der mit einigen bisexuellen Vampirherren harmonieren könnte...)? Wir werden abwarten...

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